Das Ende der deutschen Käfer-Produktion jährt sich zum dreißigsten Mal.


Vom Symbol des Wirtschaftswunders zum Auslaufmodell: Vor 30 Jahren lief in Emden der letzte deutsche Käfer vom Band. VW-Techniker Heinz Wischkony und Johann Kamp erinnern sich an den Tag, an dem eine Epoche zu Ende ging – und gleichzeitig eine neue begann.

Blitzlichtgewitter: Die Presse „von Konstanz bis Kiel“, so Wischkony, war am 19. Januar 1978 zugegen; zudem waren „Amerikaner, Franzosen und Engländer“ anwesend, sagt der Werksleiter.

Dudu konnte fast alles. Der gelbe Superkäfer war imstande zu schwimmen, zwischen Hauswänden hochzufahren, auf Stelzen seinen Weg fortzusetzen, zu fliegen. Kein Auto, sondern ein Held, ein Kultobjekt, glorifiziert wie kaum ein anderes Gefährt. Doch auch Helden müssen irgendwann einmal gehen, Dudu sogar auf höchst unrühmliche Weise: Bereits innerhalb der ersten zehn Minuten wurde Dudu in seinem letzten Film zum Totalschaden – genau im selben Jahr, in dem auch sein reales Ebenbild, den deutsche Käfer, das Zeitliche segnete: Am 19. Januar 1978, vor genau 30 Jahren, rollte im VW-Werk Emden der letzte in der Bundesrepublik produzierte Käfer vom Band. Das Ende einer Ära.

Globetrotter: Schnell wurde der Käfer, hier beim Verladen im Hafen von Emden, zum Botschafter Deutschlands in aller Welt: 1967 riss VW bereits die Zehn-Millionen-Marke, bis 2003 krabbelten insgesamt 21.529.480 Käfer vom Band.

“Wir alle haben gespürt, dass dieser Donnerstag in die Geschichte eingehen würde”, sagt Heinz Wischkony, damals Werksleiter von VW Emden. Schon allein, weil die Presse “von Konstanz bis Kiel” sich seit dem Morgen auf dem Betriebsgelände tummelte. Amerikaner, Engländer, Franzosen – aus allen Teilen der Welt seien Kamerateams angereist, um dem Käfer die letzte Ehre zu erweisen, erinnert sich der heute 76-Jährige. Für elf Uhr habe man die Journalisten in Halle 1A bestellt, wo ein kleines Team von 50 bis 60 Mann den Buckelporsche zusammenschraubte – unter der Aufsicht von Johann Kamp, Montageleiter der ersten Stunde.

Werkseinfahrt: Das Foto von 1967 zeigt den Eingang des Betriebsgeländes. Das VW-Werk in Emden war und ist der größte Arbeitgeber der Region. Noch heute arbeiten rund 50 Prozent der versicherungspflichtig Beschäftigten in der Stadt, bei oder unmittelbar für VW.

Seit der Werksgründung im Jahr 1964 arbeitete der heute 78-Jährige bei VW Emden, seine Geschichte und die des Käfers sind untrennbar miteinander verwoben. “In Gummistiefeln, mit Lodenmantel und Hut haben wir die ersten Käfer zusammengebaut”, erinnert sich Ex-Montageleiter Kamp. Denn die Hochkonjunktur forderte Höchstleistung, die Autos mussten raus, auch wenn das Werk, auf ehemaligen Kohlfeldern errichtet, noch nicht ganz fertig war. Zahlreiche Ungelernte habe er in der Mannschaft gehabt, sagt der Maschinenbauer. Menschen, die zuvor mehr schlecht als recht von Landwirtschaft oder Fischerei gelebt hatten – und die nun, durch den Bau des VW-Werks in Emden, des mit Abstand größten Arbeitgebers der Region, eine neue Chance bekamen.

Auswanderer: Das Foto zeigt den ersten für die USA produzierten Käfer im Werk in Emden.

Der Käfer gehörte zur Familie

Der Käfer war mehr als nur das Fahrzeug, das sie produzierten, er war ihre Existenzgrundlage. Und für Ortschaften wie etwa Moordorf gehörte der Käfer gewissermaßen zur Familie: Rund 80 Prozent der Bevölkerung, so Kamp, arbeiteten bei VW. Dass keiner durch den Stopp der Käferproduktion den Job verlor, da alle Arbeiter nun für Golf, Passat und Audi 80 gebraucht wurden, habe die Menschen nicht wirklich getröstet – ein Familienmitglied lässt sich eben nicht so leicht ersetzen.

Gruppenbild mit Käfer: Die Belegschaft posiert mit dem letzten in Emden produzierten Gefährt für die Kameras. Zuletzt wurden nur noch 40 Käfer pro Tag montiert, eine Kernmannschaft von 50 bis 60 Arbeitern wickelte die Produktion ab.

“Wir haben uns alle mit dem Auto identifiziert”, sagt Kamp, obwohl die Belegschaft wusste, dass die Tage des Käfers gezählt waren. Zu unsicher, zu unbequem, zu zugig, zu klein, zu hoher Spritverbrauch – die Mängelliste wurde immer länger, der Konkurrenzdruck immer größer. Der Todesstoß kam, so Wischkony, aus den USA, wo 1967 erstmals Abgas- und Sicherheitsvorschriften eingeführt wurden, die den Käfer erheblich verteuerten.

Neue, moderne Modelle mussten her, schließlich machte VW sich selbst Konkurrenz: mit den Baureihen Golf, Passat und Polo, die zwischen 1973 und 1975 auf den Markt drängten. Von nun an fristete der Käfer ein Nischendasein, sukzessive drosselte VW die Produktion. 1974 rollte in Wolfsburg der letzte Käfer vom Band, gleichzeitig fuhr das Werk in Emden die Montage stark zurück.

Verladung: Hier, im Hafen von Emden, wurden die Käfer auf Schiffe verladen und in alle Welt exportiert. Die ostfriesische Stadt bot den westlichsten Seehafen Deutschlands – und somit die kürzesten Transportwege nach Übersee, weshalb die Wahl für die Errichtung des VW-Werkes auf Emden fiel.

Beeindruckendes Blitzlichtgewitter

“Ab 1977 wurde der Käfer auf eine kleine Nebenlinie verbannt, nur noch 40 Stück liefen am Ende pro Tag vom Band”, sagt Wischkony mit Wehmut und illustriert seine Gefühle mit einem Bild: “Sie lieben Ihr Haus und wollen da nie rausgehen. Aber wenn das Dach anfängt zu brennen und das Feuer sich langsam ausbreitet, dann gehen auch Sie vor die Tür und packen Handtasche und Familie mit ein”, sagt er und lacht kurz auf. Ein Ende der Produktion war absehbar – und dennoch war die Trauer groß, als Tag X dann tatsächlich anbrach.

Bis elf Uhr schob die letzte Frühschicht an der kleinen Nebenlinie in Halle 1A ihren ganz normalen Dienst. Seit sechs Uhr morgens war Kamp da und überwachte die letzten Handgriffe: Rahmen auflegen, Chassisteile aufmontieren, Karosse von oben aufsetzen, alles verschrauben, das sei es im Wesentlichen gewesen, berichtet der Ex-Montageleiter. “Viel wurde nicht gesprochen an jenem Tag”, erinnert er sich. Ein Großteil der Truppe sei ohnehin in Mexiko gewesen, um bei dem neuen VW-Werk in Puebla Geburtshilfe zu leisten.

In Reih‘ und Glied: Das Besondere an der Käfermontage war die Rahmenfertigung. Zunächst wurde der Rahmen aufgelegt, darauf dann die Chassisteile montiert – und zuletzt schwebte an einer Kette die fertig vormontierte Karosse von oben auf den Rahmen. „Hochzeit“ nannte man diese einzigartige Vereinigung zwischen Rahmen und Karosse beim Käfer.

Dann, pünktlich um elf Uhr war es so weit: Behäbig krabbelte der letzte Käfer vom Band, ein gelber 1300er. Kurze Politur, letzte Aufräumarbeiten, Blumengestecke links und rechts über die Kotflügel drapiert – und schon strömten Journalisten, Vertreter der Stadt Emden, Führungskräfte und Honoratioren in die Halle. Beeindruckend sei das nun folgende Blitzlichtgewitter gewesen, erinnert sich Wischkony. Als Werksleiter konnte er sich keinen Gefühlsausbruch erlauben, in jenem Moment.

Lachen und Weinen: „Viele haben sich weggedreht, um die Tränen zu verbergen“, erinnert sich Montageleiter Johann Kamp, als 1978 der letzte Käfer von Band rollte. Das Foto dokumentiert, wie unterschiedlich die Stimmung innerhalb der Belegschaft war.

Der erste Buckelporsche aus Mexiko

Anders als die einfache Belegschaft: “Viele haben sich weggedreht, um ihre Tränen zu verbergen”, sagt Kamp. Er selbst habe sich beherrscht, wenn auch mit Mühe. Tapferes Lächeln, niedergeschlagene Minen, offene Trauer: die Pressefotos, die jenen Moment in Halle 1A festgehalten haben, sprechen eine lebendige Sprache. Doch wenn die Schreiber dachten, mit dem Abschlussbild sei die Pressekonferenz beendet und schon eilig Richtung Ausgang strebten, so hatten sie nicht mit Wischkonys Überraschungscoup gerechnet.

“Nach dem offiziellen Foto nahm ich das Megaphon in die Hand und bat die Presse, unverzüglich in Kleinbusse einzusteigen, die vor der Halle parkten”, sagt der Werksleiter vergnügt. Im Corso seien die verdutzten Journalisten von der Halle zur Autoverladung am Hafen chauffiert worden. Mit den Worten “Der Käfer ist tot, es lebe der Käfer” deutete Wischkony in die Luft – und präsentierte dem erstaunten Publikum den ersten Buckelporsche aus Mexiko, der just in dem Moment am Verladehaken eines Schiffes baumelte.

Der Werksleiter: Heinz Wischkony leitete das VW-Werk in Emden zwischen 1972 und 1980. Bei VW war der gebürtige Berliner seit 1955 – und „ist mit dem Käfer groß geworden“, wie sich der heute 76-Jährige ausdrückt.

Die Botschaft: Der Käfer ist eben doch unsterblich. Zwar nahm Dudu ein unwürdiges Ende, sein Vorbild aus den USA jedoch ist seit 1968 nicht totzukriegen. Spätestens seit Herbie 2005 eine Renaissance als Kinofilm feierte, mit Lindsay Lohan, Matt Dillon und Michael Keaton in den Hauptrollen, dürfte auch dem unverbesserlichsten Toyota-Fahrer klar geworden sein: Ein Auto ist mehr als nur ein Ding mit vier Rädern.

Pressekonferenz: Werksleiter Heinz Wischkony (vorne links) hielt an jenem 19. Januar 1978 die Ansprache an die Journalisten, die aus allen Teilen der Welt erschienen waren.

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